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Geschichte

 

Zur Geschichte der Klassischen Archäologie in Bonn

Schon bei den ersten Planungen für die Gründung der Universität in Bonn (ab 1815) war die Einrichtung eines Kunstmuseums vorgesehen worden, das die wichtigsten antiken Skulpturen in Abgüssen präsentieren sollte. Frühere Abgusssammlungen dienten hauptsächlich zur Ausbildung in Kunstakademien, so im 18. Jh. in Düsseldorf. Die Düsseldorfer Bestände bildeten dann den in der deutschen Klassik berühmten Antikensaal in Mannheim. Für die Universitätslehre waren Abgüsse schon von Ch. G. Heyne in Göttingen (ab 1763) benutzt worden, wo die Skulpturen allerdings in der Universitätsbibliothek verstreut aufgestellt waren. Das Bonner Museum, das Akademische Kunstmuseum, war als museale Lehreinrichtung neu und wurde vielfach nachgeahmt. Schon vor der eigentlichen Gründung der Universität wurden die ersten Abgüsse in Paris bestellt.

Zum Leiter wurde 1819 Friedrich Gottlieb Welcker (1784-1868) berufen, der schon 1809-1816 in Gießen als erster in Deutschland neben der Philologie auch die Archäologie offiziell vertreten hatte und über Göttingen nach Bonn kam. Welcker lehrte Archäologie sowohl in den Räumen des Akademischen Kunstmuseums, das bis 1884 im Hauptgebäude der Universität untergebracht war, als auch mit Hilfe von Tafelwerken in der darüber gelegenen Universitätsbibliothek. Schon 1827 konnte ein erster Katalog des Museums erscheinen. Welcker gehörte zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen Idealismus. In vielen seiner Werke verband er philologische und archäologische Kenntnisse in einer noch heute wünschenswerten Weise. 1854 trat er von seinen Ämtern zurück.

Sein Nachfolger im Lehramt als Philologe und Archäologe wurde Otto Jahn (1819-1869), der sich die Direktion des Museums bis 1861 mit dem Philologen F. Ritschl teilte. Jahn, der vor seiner Bonner Zeit vor allem durch mythologische Studien und den ersten Vasenkatalog in München hervorgetreten war, schrieb hier Untersuchungen zu römischen Wandmalereien, Militärabzeichen sowie den ersten Aufsatz über "Darstellungen des Handwerks und Handelsverkehrs". Bei ihm ließ die historisch kritische Methode den idealistischen Anspruch schon zurücktreten. Zu seinen philologischen Werken in der Bonner Zeit gehört vor allem die Ausgabe der römischen Satiriker. Er gab aber auch einige Werke von Goethe und einige seiner Briefwechsel heraus. In Bonn entstand die heute noch wichtige Biographie Mozarts. Den Bestand des Museums an Abgüssen konnte er fast verdoppeln und dafür eine Erweiterung der Räumlichkeiten durchsetzen. Auch die Originalsammlung wurde vermehrt.

Reinhard Kekulé (1839-1911) wurde 1870 als erster deutscher Lehrstuhlinhaber allein für Archäologie nach Bonn berufen. Er betrieb vor allem antike Kunstgeschichte, wobei die Plastik im Vordergrund stand. Die schon von Jahn gewünschte Vorlage des antiken Kunstschaffens in Corpora - vergleichbar den Ausgaben antiker Autoren und Inschriften - hat er vor allem durch seine Pläne zur Bearbeitung der antiken Terrakotten gefördert. Das Akademische Kunstmuseum profitierte davon durch zahlreiche Ankäufe auf diesem Gebiet, vor allem aus Unteritalien. Sie bilden heute einen Schwerpunkt der Sammlung. Auch wichtige Vasen konnten erworben werden. Das wichtigste Ergebnis von Kekulés Bonner Amtszeit (er ging 1889 nach Berlin) war die Errichtung eines eigenen Gebäudes für das Akademische Kunstmuseum. Es gelang ihm, den 1823-30 von Waesemann und Schinkel errichteten und 1872 geräumten klassizistischen Bau der Alten Anatomie für das Kunstmuseum zu erhalten. 1884 wurde er durch ein neues Gebäude für die Abgusssammlung erweitert. In sieben Sälen konnte die antike Kunstgeschichte vom Alten Orient bis in die römische Zeit studiert werden, wobei die hohe Klassik den größten Raum und die Rotunde des Schinkelbaus, das ehemalige theatrum anatomicum, erhielt. Diese Anordnung ist in den Grundzügen noch heute erhalten. Bibliothek, Hörsaal und Originalsammlung waren in den Seitenflügeln des Schinkelbaus untergebracht, räumlich also sehr beengt.

 



Kekulés Nachfolger Georg Loeschcke (1852-1915) hatte sich vor allem durch die erste Bearbeitung der mykenischen Keramik hervorgetan. In Bonn sorgte er durch Ankäufe und die Anregung zu Schenkungen dafür, daß die Originalsammlung zu einer der vielseitigsten unter den kleinen Antikenmuseen wurde. Bibliothek, Photosammlung und Hörsaal konnten ab 1908 in einem Institutsbau neben der Abgußsammlung untergebracht werden. Loeschcke hatte eine große Schar von Schülern aus dem In- und Ausland, zu denen wie bei Welcker und Kekulé auch die preussischen Prinzen gehörten, die traditionell in Bonn studierten. 1912 wurde Loeschcke wie sein Vorgänger nach Berlin berufen.

Sein Nachfolger Franz Winter (1861-1930) war bei Kekulé über jüngere attische Vasen promoviert worden und hatte dann bei ihm den Typenkatalog der antiken Terrakotten geschrieben. Zu seinen späteren Werken gehören die Bearbeitung der pergamenischen Skulpturen, des Hildesheimer Silberschatzes und des Alexandermosaiks. In seinen Bonner Jahren (1912-1929) konnte er nur Vorarbeiten zu den pompejanischen Mosaiken und zu einer Geschichte der griechischen Malerei liefern, für die er eine große Zahl von hervorragenden Aquarellen als Tafelvorlagen schuf.

Richard Delbrueck (1875-1957), Schüler von Loeschcke, war 1909 bis 1915 Direktor des römischen Instituts gewesen. Als Professor in Bonn (1928-1940) schrieb er seine heute noch grundlegenden Werke zur spätantiken Kunst (Konsulardiptychen, Porphyrwerke, Kaiserporträts, Münzbilder des 3. Jhs.). 1940 wurde er aus politischen Gründen emeritiert. Das Museum wurde durch Übermalung der Wände dem Zeitgeschmack angepaßt, war aber wegen Ausfall der Heizung nur noch im Sommer zugänglich. Von den Beständen wurden die attischen Vasen erstmals umfassend publiziert.

Ernst Langlotz (1895-1978) hatte an der gültigen Chronologie der archaischen und frühklassischen Kunst, an der Erforschung der Vasenmalerei, der Akropoliskoren und der Landschaftsstile archaischer Zeit entscheidenden Anteil. In Bonn (1944-1966) hatte er mit den Schwierigkeiten der Kriegs- und Nachkriegszeit zu kämpfen, bei denen das Akademische Kunstmuseum einige Verluste erlitt. 1945 gehörte er zu den wenigen Professoren, die große Scharen von Studenten aus allen Fächern anzogen, weil er es verstand, die Antike als Möglichkeit einer Sinngebung zu vermitteln. In Bonn beschäftigte er sich mit Problemen der hochklassischen Kunst, vor allem des Phidias und seiner Schüler, der Rekonstruktion einzelner Werke und vor allem mit der Kunst der Griechen in Sizilien und Unteritalien. Die Originalsammlung wurde um wichtige Einzelstücke bereichert, ebenso die Abgüsse archaischer und klassischer Skulptur. Eine zweite Professur konnte eingerichtet werden, die der Phöniker- und Ibererforscher Erich Kukahn (1910-1987) von 1961-1975 bekleidete. Das Museum erhielt eine hauptamtliche Kustodenstelle.

Nikolaus Himmelmann (1929-2013) war Ordinarius von 1966-1994. Seine vielfältige wissenschaftliche Arbeit galt vor allem grundlegenden Fragen der Interpretation griechischer Kunst, aber auch Problemen späterer Zeit bis in die Gegenwart. Sie kann hier nicht eingehender gewürdigt werden. Zahlreiche Schüler aus dem In- und Ausland bezeugen seine Wirkung. Das Museum wurde durch erneuten Einbau einer Heizung im Winter wieder zugänglich und dem Publikum geöffnet, die Originalsammlung durch neue Vitrinen attraktiver. Zahlreiche Originale aus allen Gattungen und Abgüsse aus vielen Gebieten konnten erworben werden. Die wissenschaftliche Aufarbeitung durch Kataloge, Monographien zur Geschichte des Hauses, ein Verzeichnis der Abgüsse, Einzelpublikationen und durch Führer machte große Fortschritte.
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Hanns Gabelmann (1936-1996) habilitierte sich 1971 in Bonn und war seit 1973 Professor für Klassische Archäologie. Seine wissenschaftlichen Arbeiten in Bonn galten vor allem den Grabbauten und Grabskulpturen der römischen Provinzen und der Ikonographie römischer Grab- und Staatsreliefs.

 

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